Belehrung nach der Lehrzeit

Wernstadt 1909

Belehrung nach der Lehrzeit 1909
Der heutige Tag, an welchem Sie (Oskar August Steuer) aus dem Lehrlings- in den Gesellenstand übergehen, ist für Sie von wesentlicher Bedeutung, und bietet uns zugleich die Gelegenheit, einige Worte an Sie zu richten, deren Beherzigung wir Ihnen zu empfehlen uns sehr verpflichtet fühlen.

Sie betreten heute eine Bahn, welche die Grenze zwischen einem gänzlich abhängigen und einem freien, gewissermaßen selbständigen Leben bildet.

Allein gerade diese Freiheit ist es, welche Sie auf eine vernünftige und vorteilhafte Weise zu benützen haben.

Beginnen Sie jede Ihrer Verrichtungen mit Gott, und suchen Sie bei Widerwärtigkeiten nur in dem Gedanken an ihn und in dem Bewußtsein streng erfüllter Pflicht Trost und Beruhigung.

Weil aus dem Nachwuchs der Gehilfen geschickte Meister und nützliche Glieder des Staates gebildet werden sollen, so ist es auch die Pflicht eines jeden Gehilfen, hiezu aus allen Kräften mitzuwirken; vorzüglich müssen Sie darauf bedacht sein, sich in dem erlernten Gewerbe möglichst zu vervollkommnen, den Ratschlägen Ihres Lehrherrn zu gehorchen, seinem guten Beispiele zu folgen, liederliche Gesellschaften zu meiden, den Vorteil Ihres Arbeitgebers zu fördern, und durch ein ehrbares, gesittetes Betragen den Lehrlingen ein nachahmungswürdiges Beispiel zu geben.

Da Ihre Ausbildung zu den ersten Bedingungen Ihres zukünftiges Wohles gehört, so dürfen Sie keine Gelegenheit versäumen, das, was Sie noch nicht gelernt haben oder zu erlernen keine Gelegenheit hatten, nachzuholen; ein guter Wille und der Gedanke an dessen Notwendigkeit wird Ihnen ein Sporn zu dessen Erreichung sein.

Binden Sie sich nicht an einen Ort, sondern reisen Sie, lernen Sie andere Menschen, ihre Sitten und Gewohnheiten kennen; benützen Sie das Gute hievon für Ihr Leben, glauben Sie aber nicht, daß viel Reisen ohne Arbeit Ihnen einen Vorteil bringt.

Mag auch der Blick Ihnen keine goldenen Früchte jetzt in Aussicht stellen, so unterlassen Sie doch nicht, durch Fleiß, Redlichkeit und gute Aufführung nach Vervollkommnung zu streben, deren Erreichung Ihnen um so leichter erscheinen wird, wenn Sie bedenken, daß sie Ihnen in jeder Lage Ihres Lebens Trost und Beruhigung gewährt und daß ihre guten Früchte unausbleiblich sind. Behandeln Sie die Lehrlinge jederzeit so, wie Sie selbst behandelt zu sein in der Lehre gewünscht haben.
© Familienforschung Oskar, Rolf & Olaf Steuer